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Balz und Werbung
ist die Sammelbezeichnung für alle Verhaltensweisen, die zur Kopulation führen oder führen können -> Sexualverhalten. Balzverhalten ist überwiegend angeboren. Die Funktion von Balzverhalten:
- Anlockung und Zusammenführung der Partner mithilfe optischer, akustischer oder chemischer Signale
- Synchronisation der Partner zur Kopulation
- Überwindung der Aggression und die Reduzierung der Individualdistanz
- Art-, Geschlechts- und Statuserkennung
Letzteres verhindert im Normalfall:
- Artenkreuzung (Bastardierung)
- daß versehentlich gleichgeschlechtliche Artgenossen angebalzt werden -> Homosexualität
- daß versehentlich nichtfortpflanzungsfähige oder nicht fortpflanzungsbereite Artgenossen angebalzt werden -> Fitness
Bei der Chinchilla findet bei einem intakten Tierbestand ein ganz subtiles Balzverhalten in vielen kleinen Einzelschritten statt. Dabei kommen bei der Chinchillas sowohl optische (Schwanzwedeln) als auch akustische (Lock- und Balzlaute) als auch chemische Signale (Duftstoffabsonderung) zum Einsatz. Chinchillas zeigen damit ein komplexes und hochentwickeltes Balzverhalten.
Das Balzverhalten der Chinchilla
von Claudia A Mooser
Chinchilla Balzverhalten beinhaltet : sowohl optische (Schwanzwedeln) als auch akustische (Lock- und Balzlaute) als auch chemische Signale (Duftstoffabsonderung). Vor dem Balzverhalten steht immer die Feststellung der Brünstigkeit des Weibchens. Während der Brunst verändert sich der Geruch des Weibchens. Das Chin Böckchen nähert sich und nimmt v.a. die Duftstoffe im Bereich ihres Afters auf. Auf diese Weise erkennt ein Böckchen, wann ein Chinchilla Weibchen brünstig wird, und damit das sexuelle Werbeverhalten überhaupt Sinn macht. Die Brunst und Abgabe von Pheromonen setzt bei Weibchen bereits 1-2 Tage VOR der faktischen Empfängnisbereitschaft ein. Während dieser Frühphase können Chinweibchen sogar äußert aggressiv die Annäherungsversuche von Chinchilla Böckchen abwehren. Erfahrene Chinchilla Böckchen machen in dieser Phase einen "Vortest" in Form einer ersten Annährung (meist Näschenreiben). Wird dieser erste Ansatz zum ersten Schritt in der Paarbalz vom Weibchen abgewehrt, dann bleibt das Böckchen zwar in der Nähe des brünstigen Weibchens, aber startet erst nach 24-48 Stunden ein gezieltes Balzverhalten.
Die erste Phase der sog. LOCKBALZ (ohne Körperkontakt):
- Chinböckchen stößt Kontakt - und Balzlaute aus
- Chinböckchen setzt sich vor das Weibchen und wedelt mit seinem Schwanz
- Chinböckchen sondert Duftstoffe (Pheromone) durch Ausstülpung der Analdrüse ab
Die zweite Phase der sog. PAARBALZ oder GRUPPENBALZ (mit Körperkontakt):
- Das Chinböckchen "putzt" und liebkost das Chinweibchen beginnend am Kopf, Nase, dann rund um die Augen und in den Ohren
- Das Chinböckchen arbeitet sich langsam nach "hinten" und beknabbert die Flanken des Chinweibchens
- Das Chinböckchen reitet auf
Chinweibchen signalisieren ihr Interesse und Paarungsbereitschaft:
- Lassen Körperkontakt zu (Reduzierung bis Aufhebung der Individualdistanz)
- Putzen Augen und Kopf des Böckchens, der in dieser Phase eine Demutsgeste zeigt, indem er den Kopf dabei senkt
- Bieten ihren Popo an vor der Nase des Böckchens
- Drücken dabei den Unterleib zu Boden und heben das Schwänzchen nach oben an
Inwiefern konkrete Balzketten das sexuelle Werbeverhalten der Chinchillas bestimmen, ist nicht untersucht. Die Tatsache, daß das Balzverhalten der Chinchilla auch Elemente der Unterordnung und Brutpflege beinhaltet, unterstreicht in jedem Fall ihr Wesen als hoch soziale Tiere.
Balzverhalten zur Arterhaltung ist Nicht zu verwechseln mit:
Kastration bedeutet die Entfernung der Keimdrüsen ( Hoden bzw. Eierstöcke ) durch einen operativen Eingriff.
- mögliche Verhaltensänderungen
- Sexualverhalten reduziert sich mit der Zeit
- Physiologische Veränderungen im Körpergeruch, Körperbau, Körpermasse, etc.
Sterilisation bedeutet die operative Herbeiführung der Unfruchtbarkeit OHNE Entfernen der Keimdrüsen (Gondaden). Libido und Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr bleiben dabei voll erhalten. ( Entfernungen eines Teils des Samenleiters bzw. Durchtrennung / Unterbindung der Eileiter)
- keine umfassenden Verhaltensänderungen
- Sexualverhalten bleibt weitestgehend erhalten
Hier ein Beitrag von mir aus dem Jahr 2009 auf einem Forum, der diese Frage behandelt. Hier in einer erweiterten Fassung:
WESENSVERÄNDERUNG NACH DER KASTRATION ?
von Claudia A Mooser
In der Anfangszeit, als ich auf deutschen Foren anfing zu schreiben (ab 2003) war ich noch der Meinung, daß keinerlei Wesensveränderung bei Chinchillas nach einer Kastration eintritt. Diese Meinung hatte ich damals auch vertreten. Mittlerweile habe ich weitere Beobachtungen gemacht. So daß ich heute der Meinung bin, meine Chinchillaböckchen haben nach der Kastration ihr Wesen verändert, allerdings sehr langsam über einen Zeitraum von 2-3 Jahre, daß sie ruhiger geworden sind. Normale Altersmüdigkeit finde ich in meiner Beobachtung als Erklärung nicht ausreichend. Ich führe es tatsächlich auf die Spätwirkungen der Kastration zurück.
In den ersten Monaten nach der Kastration ist oft zu beobachten, daß das Chinböckchen sein Weibchen Aufreitet als hätte sich nichts geändert. Das nimmt jedoch über die Monate und Jahre deutlich ab. Deutlicher als bei unkastrierten Chinböckchen mit normalen Alterungserscheinungen.
DIE FRÜHKASTRATION - FOLGEN FÜR DAS VERHALTEN
Anders ist es bei einer Frühkastration. Das habe ich einmal vornehmen lassen, um das Böckchen im nahtlosen Übergang bei seiner Mutter und Schwester lassen zu können. Das würde ich nie wieder tun.
Der Grund: es ist keine Wesensveränderung, sondern ein Stopp in der Wesensentwicklung. Der kleine Mann weiß in seinem Verhaltensrepertoire oft nicht, ob er Alfa-Böckchen oder Chinbaby ist. Gut, das muß er auch in meiner Liebhaberhaltung nicht, es ändert gar nichts an seiner Stellung in der Gruppe (in dem Fall! Bei einer anderen Gruppe, hätte er wahrscheinlich daraus resultierende Probleme seinen Platz in der Rangordnung und überhaupt Akzeptanz zu finden). Aber ich denke ich hab ihn insgesamt um Teile einer wichtigen Entwicklung im Verhalten beraubt, die irreversibel ist. Das würde ich nicht mehr in dem Ausmaß befürworten wollen.
Übrigens hat eine Frühkastration auch eine Stopp in der körperlichen Entwicklung zur Folge. Kindchen-Schema bleibt insgesamt im Ausdruck deutlicher erhalten, Der Körperbau erinnert an ein Jungtier, die normale Zuchtgrösse auch im Vergleich zu Wurfgeschwistern wird nicht annähernd erreicht.
© Claudia A Mooser
Ich konnte mehrfach in reinen Böckchengruppen beobachten, daß das übliche Aufreiten zur Bestimmung der Rangordnung, einige Zeit später in der Gruppe wieder erneut gezeigt wird. Allerdings in zeitlichem Abstand nachdem die Rangordnung bereits absolut gefestigt ist. Das Aufreiten hat hier bei den Chinchilla Böckchen eindeutig sexuelle Konnotation. Es reitet immer das dominante Böckchen in der Gruppe auf - und nur dieses. Das unterlegene Böckchen wird eindeutig als sexueller "Ersatzpartner" in Ermangelung eines Weibchens benutzt. Am Anfang versuchen die subdominanten Böckchen das Aufreiten durch Entzug, Ausweichen und Körperdrehung abzuwenden. Auf Dauer setzt sich in meiner Beobachtung aber das dominante Böckchen durch. Dann leistet das unterlegene Böckchen keinerlei Widerstand mehr - es hält ruhig beim Aufreiten. Laut der von mir befragten TAs werden die Chinböckchen vom dominanten, aufreitenden Böckchen nicht penetriert. Ich bin mir da allerdings nicht mehr so sicher.
WICHTIG FÜR DEN HALTER
Bei dem sexuell benutzten Böckchen kann es zu einem Leidensdruck kommen. Dieser zeigt sich in zunehmender Zurückhaltung, Apathie, Fressunlust, Gewichtsverlust. Erste Anzeichen davor sind beim subdominanten Böckchen neben dem Aufreiten unruhiges, verfilztes, verklebtes Fell im Bereich der Schwanzwurzel. Wenn man Glück hat, dann legt sich diese "Phase" wieder von selbst. Das ist in meiner Beobachtung jedoch eher selten, meist intensiviert sich das Verhalten sogar. In diesem Fall gibt es zwei Möglichkeiten: Die Böckchengruppe auflösen. ODER intensiv mit der Gruppe arbeiten, um wieder einen Ausgleich herzustellen.
Mehr Info : TEIL 2 Aggression: > UNGLEICHE MACHTVERHÄLTNISSE AUSGLEICHEN
Wer nicht züchten will, der sollte Chinchillas gleichgeschlechtlich halten. So oder so ähnlich liest man es als die pauschale Standardformeln auf vielen Hobby Foren und Hps. Ich sehe gleichgeschlechtliche Haltung angesichts der oben genannten Risiken von körperlichen Verletzungen und psychologischen Leidensdruck (sowohl beim Böckchen, das keinen adequaten weiblichen Paarungspartner hat, wie auch beim Böckchen, das als sexueller Ersatzpartner dient) differenzierter. Ich halte die gleichgeschlechtliche Haltung daher keineswegs für eine Paradelösung und für manche Tiere geradezu eine Qual. Es ist sinnvoll wenn Halter hier ehrlich reagieren und alternative Möglichkeiten mit einem TA besprechen.