| GRUNDLAGEN VERÄNDERUNGEN DURCH DOMESTIKATION INDIVIDUALDISTANZ |
Chinchilla & Natur (Kapitel 1) | Chinchilla & Chinchillas (Kapitel 2) | Chinchilla & Mensch (Kapitel 3)
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| Domestikation (lat.) = die Umwandlung von wilden Tieren zu Haustieren, durch Zähmung und durch Zuchtwahl. Die Domestikation bewirkt, oft unbeabsichtigt, Veränderungen in Körperbau, Färbung und Leistung des Wildtieres |
| DOMESTIKATION ist die durch den Menschen erfolgte züchterische Veränderung des Genpools einer Wildpopulation ( Haustierwerdung ). Domestikation führt zur Anpassung an eine vom Menschen determinierte Umwelt. Durch zielgerichtetes ( und auch unbewußtes Züchten ) erzeugt der Mensch Veränderungen bei den Tieren: Äußerlich, im Körper und im Verhalten |
Wie wir gesehen haben ist die Geschichte der Domestikation unserer Chinchillas noch vergleichsweise kurz. Aber auch hier können wir bei genauerem Hinsehen und Untersuchungen bereits eindeutige Veränderungen feststellen, die das Chinchilla bereits als angehend bzw. "halb-domestiziert" erscheinen lässt.
Morphologische Veränderungen (z.B. Körpergröße, Fellfärbung)
Domestikation verändert nicht nur den Körper und das Erscheinungsbild, sondern auch das Verhalten der Tiere. Das geht einher mit zwei grundlegenden Aspekten. So führt die Domestikation in der Regel zu folgenden Faktoren:
Letzteres ist auch ein Argument, warum die meisten Nutz-, Heim-, und Haustiere in der freien Natur nicht mehr allein überleben können. Im Folgenden betrachten wir Hauptaspekte der Veränderung am Beispiele zum Chinchilla.
DOMESTIKATION von Claudia A Mooser Sexualität
Sozialverhalten
Motorik
Lernfähigkeit
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Im Die oben gezeigten Faktoren zeigen bereits anhand von vier Grundelementen - Sexualität, Sozialverhalten, Motorik, Lernfähigkeit - unter Berüchsichtigung von verschiedenen menschlichen Haltungsformen (Pelztierzucht, Großzucht, Hobbyzucht, Heimtierhaltung), daß der Prozeß der Domestikation durch den Menschen an unseren Chinchillas auch in deren Verhaltensspektrum nicht spurlos vorüber gegangen ist. Was die Auswirkungen davon sind und wie/ob der Mensch in der Zucht und Heimtierhaltung auf eine möglichst artgerechte Weiterentwicklung Einfluß nehmen kann, werden wir noch in den kommenden Kapitel genauer betrachten.
| Domestiziertheit = genetischer Verlust der urtümlichen Fluchttendenz Zahmheit = individueller Verlust der urtümlichen Fluchttendenz |
Ein Chinchilla, das keinen Menschen je zu Gesicht bekommen hat, wird sich zunächst immer wie ein scheues Wild- und Fluchttier verhalten. Natürlich gibt es unter den Tieren individuelle Unterschiede. Mit viel Zeit, Geduld, Hingabe erreicht man sogar eine hohe Zahmheit bei den geselligen Nagern. Manche Chinchillas werden immer eine größere Distanz zum Menschen wahren, andere werden sehr zutraulich. Nur wenige werden zu Kuscheltieren.
Mehr zum Thema unter: Zähmung - Zahmheit - Pseudo-Zahmheit
| Fluchtdistanz = Fluchttiere wie Chinchillas halten diesen Sicherheitsabstand vor anderen Lebewesen / Fressfeinden (=> Flucht) = Notwendigkeit um Feinde frühzeitig zu erkennen, zu reagieren, zu überleben Ein Abbau der Fluchtdistanz geschieht aufgrund von (positiven) Erfahrungen |
Ein weiterer wichtiger Begriff in dem Zusammenhang ist der Folgende:
| Individualdistanz = Individualraum = inwieweit ein Chinchilla Kontakt, Berührung, Streicheln in seiner Lebensgemeinschaft zuläßt = Reduktion bzw. Aufhebung der "kritischen Distanz" zum Menschen / Halter/In |
Das Chinchilla ist ein ganz klassisches Fluchttier. Flucht ist überlebenswichtiger Schutz. Erst im Fall von Auswegslosigkeit für das Chinchilla als Beute-, Fluchttier tritt am Ende auch hier ein Verhalten der aggressiven Selbstverteidigung auf. Man spricht hier von der sog. Wehrdistanz.
| Zusammenfassung einem total zahmen Chinchilla fehlt neben der Fluchtdistanz auch die Individualdistanz |
| Individualdistanz = Individualraum = inwieweit ein Chinchilla Kontakt, Berührung, Streicheln in seiner Lebensgemeinschaft zuläßt = Reduktion bzw. Aufhebung der "kritischen Distanz" zum Menschen / Halte |
Dabei können wir diese unter zwei Aspekte unterscheiden: zum einen als Minimalabstand, zum anderen als Maximalabstand. Und dies wiederum in Bezug zu den Artgenossen und was uns in diesem Kapitel III besonders interessiert: im Hinblick auf den Menschen.
Die anonyme Gesellschaft ( = die Tiere sind sich untereinander fremd). Viele Herdentiere meiden Körperkontakt. Beim Chinchilla muß man auf jeden Fall deutlich unterscheiden zwischen
Individualdistanz bezieht sich nur auf den ersten Fall. Meiner Beobachtung nach halten fremde Chinchillas einen Mindestabstand von ca. 15-20 cm beim ersten Kontakt mit anderen fremden Chinchillas. Auf geringere Distanz löst es eine unmittelbare Reaktion der Tiere aus, entweder Abwehr, Flucht, Agression. Dies gilt für den Kontakt von einem neuen Chinchilla mit einem anderen Einzeltier oder ein neues Chinchilla mit einer bestehenden Gruppe. Leider sind mir keine Daten bekannt zu mehreren fremden Tieren und den typischen Abstand innerhalb einer Chinchilla Kolonie. Zum Vergleich: Bei Lachmöwen ca. 30 cm, bei Schwalben etwa 10 cm durchschnittliche Individualdistanz.
Die nicht-anonyme Gesellschaft ( = innerhalb einer vertrauten Chinchillagruppe). In Chinchilla Gruppen, wo sich die einzelnen Tiere untereinander kennen oder verwandt sind, hängt die Individualdistanz vom Rangabstand der einzelnen Tiere ab. Konkret das rangniedrigere Chinchilla achtet auf den ausreichenden Abstand, um vor einem Überraschungsangriff sicher zu sein. Man spricht hier auch von Ausweichdistanz. Die Ausweichdistanz ist umso größer, je größer der Rangunterschied der einzelnen Chinchillas ist. Konkretes Beispiel: das rangniedrigste Chinchilla wird zum ranghöchsten Chinchilla den größten Abstand einzuhalten versuchen. Wohingegen der Abstand zwischen dem rangniedrigsten und dem zweithöchsten Chinchilla dazu etwas geringer ausfällt. Warum ist der richtige Abstand wichtig?! Zu wenig Abstand zu einem ranghöheren Chinchilla löst dessen Dominanzverhalten aus. Man spricht hier von der sog. Kritischen Distanz.
Individualdistanz ist nicht nur der Mindestabstand, sondern auch der Maximalabstand zu Artgenossen - die sog. SOZIALDISTANZ. In dem Fall meint man mit I. die Distanzspanne, die zu den Partnern aus der eigenen Sozietät eingehalten wird. Konkret heißt das, wie weit entfernt sich ein Chinchilla freiwillig von seiner Kolonie, z.B. zur Futtersuche.
Die Lebensgemeinschaft Mensch und Chinchilla mit dem Chinchilla als Haustier ist bereits eine Form der Domestikation. Das Chinchilla lebt im Lebensraum des Menschen, nicht mehr in seinem eigenen wilden Habitat.
... MINIMALABSTAND ZUM MENSCHEN.
Wie nah läßt ein Chinchilla einen Menschen an sich heran, den es neu begegnet?
Leider habe ich dazu keine Erfahrungen in der freien Wildbahn. Aber unsere Betrachtung beschränkt sich ohnehin auf das Verhältnis von Tierhalter und Chinchilla. Meiner Erfahrung nach kommt es bei der I. auf anonymen Terrain auf zweierlei an:
Je mehr Geduld, je langsamer und ruhiger man sich bewegt. und je konzentrierter man dies unterhalb der Augenlinie des Chinchillas tut, desto mehr kann man die I. auf ein Mindestmaß ausschöpfen. Meine Erfahrung ist,, daß man die Hand auf rund 15-20 cm ruhig unterhalb des Augenlevels langsam zum Tier zubewegen kann. Dann sollte man Verharren. Zeigt man Respekt, dann fällt es i.d.R. auch leichter die I. zügig weiter zu verringern. Konkret: nähern sie sich dem Chinchilla langsam, behutsam. Am besten man bietet sich erst passiv an, so daß das Chinchilla sich mit Geruch, Stimme und Bewegungen des Menschen vertraut machen kann, ohne zu erschrecken. Bewegen sie sich langsam. Sehen sie zu, daß das Chinchilla all ihre Bewegungen mitverfolgen kann. Agieren sie nicht oberhalb des Augenfeldes des Chinchillas. Das Chinchilla ist geprägt darauf, daß seine Freßfeinde von oben kommen und wird entsprechend irritiert zurück weichen. Legen sie ihre Hand auf den Boden der Einstreu. Lassen sie das Chinchilla sie beobachten. Warten sie ab bis das Chinchilla zu ihnen kommt. Eines kann ich versprechen: Chinchillas sind super neugierig und sozial - jedes Chinchilla kommt irgendwann! Man muß es nur erwarten können. Umso größer dann das Geschenk der ersten freiwiliigen Berührung.
Wenn das Chinchilla ihre Hand erstmals berührt hat, dann reagieren sie nicht. Lesen sie einfach weiter ihr Buch, oder bleiben sie einfach ruhig und gelassen sitzen. Lassen sie das Chinchilla ohne Stress ihren Geruch näher aufnehmen, Nibbeln, Untersuchen. Es tritt durch all dies in Verbindung mit ihnen. Das geschieht ganz von alleine. Sie müssen gar nichts dazu tun, nur Geduld, Warten und das Kitzeln der Barthaare auf ihrer Haut genießen. ;-) Chinchillas sind sinnliche und sehr sensible Tiere. Nur ein unerfahrenes, oder nervöses Tier wird sie versehentlich zu sehr zwacken. Reagieren sie mit einem Laut ohne das Chinchilla zu strafen, oder zu verscheuchen. Kaum ein Chinchilla wird ein zweites Mal zu fest Zwacken, wenn sie ihm respektvoll ihre Grenzen zeigen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung, solange sie auch die Grenzen ihres Chinchillas respektieren.
Wie nah läßt ihr Chinchilla sie heran, nachdem man mit ihm Zeit verbracht hat?
Die Antwort: Das hängt ab vom Tier. Ich habe Chinchillas, die schlafen mit mir unter der Bettdecke. Andere, die unter meinem Pferdeschwanz nach vorne in den Ausschnitt unter meinen Sweater schlüpfen, um dann zwischen meinen Brüsten den Bauch runter zu rutschen. Unten wieder raus aus dem Sweater und das Ganze von neuem. Das waren Chinchillas, die keinen Züchter in den Käfig greifen ließen ohne ihn anzupinkeln. Aber so eine Entwicklung findet nicht von heute auf morgen statt. Dafür sind Chinchillas sehr treu. Vertrauen sie einmal einem Menschen, dann tun sie es ihr Leben lang, das ist jedenfalls meine Erfahrung.
Und dann gibt es einfach andere Tiere, wie z.B. meinen stolzen Nappy Nala. Würde er sich von mir vor seiner geliebten Ziba oder den anderen Chins gleichermaßen Abschmusen und Kuscheln lassen, wie Anouk usw., dann käme dies für ihn einem Gesichtsverlust gleich. Die stolzesten Böckchen lassen einen aber irgendwann mit dem Rücken der Fingerkuppe ihre Brust runterstreichen. Man darf nur ihre sensiblen Barthaare nicht versehentlich kitzeln. Und die stolzesten Böckchen lassen sich die Barthaare freistreichen, wenn sie beim TA sind oder gepflegt werden müssen. Das sind besondere Respektsbekundungen, die gerade bei Chinchilla Böckchen ein sehr große Rolle spielen. Dazu aber mehr an anderer Stelle.
Der Punkt an dieser Stelle ist - Chinchillas sind starke, sensible, intelligente Charaktere. Jedes für sich erlaubt einen bestimmten Zugang und Nähe, sowohl räumlich als auch psychologisch. Manche nie so nah wie andere. Aber in jedem einzelnen Fall ist eine Entwicklung möglich zu mehr Intensität, Vertrauen. Manchmal dauert es Jahre, und manchmal geschieht es erst, wenn man ein Tier pflegt und es vielleicht trotzdem nicht mehr reicht. Das sind Stunden der intensivsten Nähe. Manchmal hat man das besondere Glück mit dem einzelnen Tier mehr Zeit verbringen zu dürfen. Der Weg ist immer derselbe über viel Geduld und Liebe. Jedes Chinchilla ist für sich ein Erlebnis und eine Erfahrung in der Begegnung mit ihm. Das ist jedenfalls mein Erleben über die Jahre mit vielen Chinchillas.
Zusammenfassung
... MAXIMALABSTAND ZUM MENSCHEN
Chinchillas erkunden ihre Umgebung in Kreisen. Wie weit würde ein Chinchilla sich vom Menschen in seiner Lebensgemeinschaft entfernen? Diese Frage ist ziemlich utopisch zu beantworten, da Chinchillas in Käfigen sich gar nicht unbegrenzt entfernen können, außer zur hinteren Käfigwand. Und in der Heimtierhaltung mit Auslauf ist dieser in der Regel durch einen Raum, eine Wohnung oder ein Haus begrenzt.
Meine Beobachtung: Neue Chinchillas mit denen ich bereits ein Vertrauensverhältnis aufgebaut habe erkunden NEUES Terrain in Kreisen, die sich beständig erweitern. Dies beginnt beim Kreisen im Abstand von 20-50 cm von mir entfernt. Dann kommt das Chinchilla immer wieder zu mir, seiner Ausgangsbasis zurück. Danach folgt ein zweiter, größerer Kreis. Danach kehrt das Chinchilla wieder zu mir zurück. Diese Kreise können sich auf mehrere Räume ausweiten. So kommt meine erste Chinchilla, Anouk, auch nach ihrem Forschen in den anderen Räumen der Wohnung im Zeitraum von 30 Minuten (wenn sie nicht zwischendrin irgendwo eingeschlafen ist), zu mir zurück. NORMALERWEISE macht sie ihre Ruhe- und Schlafpausen zwischen ihren Ausflügen an den Plätzen in der Wohnung, wo ich mich selbst am meisten zur Ruhe aufhalten, z.B. im Schlafzimmer unter dem Bett. Oder im Wohnzimmer unter dem Sofa. Sie sitzt in beiden Fällen exakt unter der Stelle des Bettes, oder Sofas wo ich mich normalerweise befinde. Nur eben eine Stufe tiefer.
Wie weit Anouk ihre Kreise ziehen würde, ob 100 oder 500 Meter kann ich nicht sagen. Die Wohnung begrenzt sie auf rund 70 m2. Aus der Fachliteratur ist bekannt, daß Chinchillas nachts Strecken zwischen 200-500 Meter von ihrem Ausgangsort zurücklegen. Die Frage ist allerdings, ob sie sich einzeln so weit von ihrer Gruppe entfernen, oder ob die Gruppe oder Teile davon sich insgesamt über diese Distanz bewegen. Ich vermute letzteres. Ganz einfach aus dem Grund, weil es für ein Flucht- und Beutetier untypisch ist seine Herde so weit zu verlassen. Aus dem einfachen Grund, weil es dadurch angreifbarer und leichtere Beute für seine Freßfeinde wird.